24. September 2006: 13. Tübinger Stadtlauf

TSV Schwarzenberg — Abteilung „Einer gegen Alle

Wenn Sie sich nach diesem Bericht fragen werden, was dieser in Ihrem Gemeindeblatt zu suchen hat, so antworten Sie ganz einfach, dass der TSV Schwarzenberg seit vergangenem Sonntag nun auch in der Starter- und Ergebnisliste unter www.stadtlauf-tuebingen.de auftaucht. Denn was lag näher als Tübingen, um dort beim 13. Tübinger Stadtlauf die Senkel zu binden. Zwei kleine Problemchen: Sonntag ist traditionell Fußballtag und zudem hätte Sissi einen Auftritt mit dem Musikverein (MVS) gehabt. — Sissi? Na ja, so hat man ihn schon immer hier im Ländle genannt, also im geliebten Schwarzenberg und seiner lieblichen Umgebung. Da er jedoch inzwischen ein Alter erreicht hat, welches ihm ermöglicht, unbemerkt und fast ohne Tränenverlust von Jung (TSV) oder Alt (MVS) ersetzt zu werden, konnte er sich problemlos eine Aufenthaltsgenehmigung erkaufen, um den Namen „TSV Schwarzenberg“ in die große weite Tübinger Laufwelt hinauszutragen.



Ein kleines Video-Schnippsel aus der Haaggasse.

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So, Aufwärmphase beendet, nun soll's direkt losgehen. Nämlich mit den vielen Gründen, wieso der Tübinger Stadtlauf etwas anders ist als andere Läufe seiner Art.

a) Dieter Baumann.

b) Statt der üblichen Distanz solcher Volksläufe über 10 Kilometer läuft man in Tübingen nur drei Runden über je 2,5 km. Zitat a): „Der Lauf, die Strecke, wie auch die Stimmung kann man ohne Übertreibung als einzigartig beschreiben. Keine Läuferin, kein Läufer, der einmal beim Zinser-Dreieck an der Startlinie stand, dann über die Neckarbrücke und links hoch zur Stiftskirche lief und dort bis zum Rathausplatz von mehr als 30.000 Zuschauern in Empfang genommen wurde, möchte auf diese einmalige Stimmung verzichten“. — Hört sich alles total easy an, oder? Allerdings sollte man schon ein bisschen Luft holen, um die hügelige Altstadt bestehen zu können. Und 30.000 Zuschauer? Hmm, vielleicht waren es ein paar Hundert weniger. Grund: siehe c).

c) Ein cleverer Schachzug der Organisatoren ist es, mit der Durchführung dieses Laufes bis zum letzten Tag des umbrisch-provenzalischen Markts zu warten, sogar kombiniert mit einem verkaufsoffenen Sonntag. Die Tübinger Innenstadt war sozusagen überlaufen. 100.000 Besucher erwartet Tübingen Jahr für Jahr an diesen vier Tagen. Und diese wiederum erwarten feinste kulinarische und künstlerische Spezialitäten aus den beiden Partnerstädten Perugia und Aix-en-Provence.

Wie viele Besucher nun lieber in ihr Weinglas geschaut hatten statt auf die Laufstrecke, kann also nicht ganz genau — wie sagt man so unschön? — eruiert werden. Doch egal wie viele Personen die schmalen Gassen noch schmaler werden ließen, es herrschte in der Tat eine prächtige Stimmung. Nur manchmal wurde es etwas leiser um einen herum — um einen, der ganz allein versuchte, seine orangenen Vereinsfarben würdig zu vertreten. Deshalb griff er zu Plan a). Nein, nicht zum Olympiasieger von Barcelona über 5000 m, sondern er versuchte mittels ekstatischer Handbewegungen das Publikum etwas zu animieren — bestimmt zur Belustigung aller, ihn selbst eingeschlossen. Was für ein Spaß. Doch erstaunlicherweise klappte dies ganz gut. Barcelona 1992 war in diesen Momenten sicherlich nur ein müder „Abklatsch“ — im wahrsten Sinne.

d) Zum ersten Mal trennte man die Spreu vom Weizen. Damit ist nicht die Aufteilung der 1025 männlichen Teilnehmer in eine schnellere und eine langsamere Gruppe gemeint, sondern der separate Damenlauf zwischen den beiden männlichen Läufen. Nein, mich bitte nicht falsch verstehen! Mit dieser Geschlechtertrennung wollte die Leichtathletikvereinigung Tübingen als Organisator des Stadtlaufs einfach nur vermeiden, dass der Minderheit von 372 „Körnern“ (puh, gerade noch die Kurve gekratzt…) nicht die selbe Aufmerksamkeit entgegengebracht wird und sie möglicherweise in diesem großen Weizenfeld untergegangen wäre. Wäre ja zu schade gewesen um das ein oder andere Korn. Nein, 'tschuldigung, um alle Körner versteht sich!

Eine der Damen, um die kernige Bezeichnung endlich ins Abseits zu stellen, erregte ganz besonders meine, äh, natürlich die Aufmerksamkeit aller. Denn im krassen Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen der kickenden Zunft — ja, Sie haben richtig gelesen, Kicken ist ihr Leben — hat sie Kondition. Klingt hart, aber ehrlich, oder? Und zwar so viel Kondition, dass sie unter den 372 Läuferinnen sensationell Siebte wurde! Durchschnittsgeschwindigkeit 16,47 km/h = 3,39 min/km, Gesamtzeit 27:28 min. Hier zum Vergleich die Erstplatzierte: 18,89 km/h = 3,11 min/km, 23:49 min. Herkunft: Kenia.

Doch es kommt noch besser: Mira Glocker, so heißt die Wunderläuferin, spielt in der B-Jugend ihres Heimatvereins. Sie können mit dieser wichtigen Information nichts anfangen? Dann jedoch damit: Jahrgang 1990. Sie ist also gerade mal 16 Jahre jung! Mit ihrer Zeit wäre sie in der Herrenwertung auf dem unglaublichen 43. Platz gelandet. Der mehr wundersame als Wunder-Läufer aus Schwarzenberg kam hingegen — ähem, (wie) soll er es nun verraten? — erst kurz vor dem 80. Rang zum Stehen. Immerhin hinter der Ziellinie. Welten!

Doch nicht nur a) bis d) machen den Tübinger Stadtlauf zu einem etwas anderen Lauf, sondern auch

e) Während a) auf den 10. Rang kam, erlief sich ein gewisser Carsten Eich den siebten Platz. Er ist in der deutschen Laufszene ebenfalls keine unbekannte Größe, sondern ein bekannter Großer — in allen Sinnen dieser Beschreibung. Denn er ist einer der besten, wenn nicht gar der beste Marathonläufer unseres Landes (nicht zu verwechseln mit „Ländle“) und hält den Europarekord im Halbmarathon (60:34 min). Für das Mitglied des „Marathon Club Düsseldorf“ waren demnach die ersten und letzten 7,5 km nur eine kleine Lockerungseinheit. Das Besondere an ihm ist zudem das Verhältnis zwischen seiner schon angesprochenen Größe und seinem Gewicht. Mit 1,90 m Körperlänge überragt er die meisten seiner Mitläufer, wiegt jedoch lediglich 65 kg. Da kann auch ein Sissi nicht mithalten — mag er noch so wenig Muffins in den Mund nehmen. Doch verdammt, er wurde ja gebeten, dieses „Wort mit M“ genauso häufig, also möglichst selten, in den Mund zu nehmen. Sorry, schon gegessen.

f) Wer e) wie E)ich sagt, muss auch f) wie F)itschen schreiben. Denn Jan Fitschen war in Tübingen ebenfalls vorne mittendrin statt nur dabei. Wie bitte, Ihnen sagt dieser Name nichts? Macht nichts, bis vor ein paar Wochen war sein Name dem Schwarzenberger In-der-Fremde-Gänger genau so unbekannt wie der Name der Europameisterin im Marathon, Ulrike Maisch. Denn im September holte sie sich diesen Titel bei der Leichtathletik-Europameisterschaft in Göteborg (2h und 30:01 min). Sie ist sozusagen das weibliche Pendant zu Carsten Eich — nur war sie leider in Tübingen weder mittendrin noch dabei. Jan Fitschen hingegen war sowohl in Schwedens zweitgrößter Stadt als auch in Deutschlands achtundneunzigstgrößter Stadt am Start. Wie (um-)schreibt man denn „achtundne…“?

Mit einem grandiosen Schlussspurt staubte er dort über die 10.000 m - Distanz völlig überraschend Gold ab, in Tübingen durfte er sich als Zweitplatzierter über 400 Euro Preisgeld freuen — von der Antrittsgage ganz zu schweigen. Moses Kigen hingegen durfte sein Sparschwein sogar mit 500 Euro vollstopfen. Woher er stammt? Na logisch, aus dem selben Land wie die schnellste Dame, dem Land der Schwarzen Gazellen. Ach, hätte Sissi doch auch eine etwas gesündere Hautfarbe…

Doch nun zum lang ersehnten Abschluss noch einmal zurück zu Jan Fitschen. Nach der Siegerehrung konnte man in einem bekannten Tübinger Sportgeschäft entweder seiner Freundin in die Augen blinzeln oder von ihm ein paar Autogrammkarten bekommen. Also nichts wie ran — an die Karten:

Jan Fitschen

Dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen. Na endlich.